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Buchrezensionen

"Marianne Dubúc, Komm mit, Lulu !

Carlsen Verlag, Hamburg 2019

ISBN 978-3-551-51943-6

Wir Leser begleiten in diesem Bilderbuch Frau Dachs auf ihrem Weg zum Gipfel ihres Hausbergs.

Wichtiger jedoch sind die Beziehungen, welche Frau Dachs mit anderen Tieren pflegt, da sie bei ihren sonntäglichen Ausflügen sehr viel Tier(= Menschen) verständnis und –kenntnis erkennen lässt,

Eines Sonntags trifft sie auf einen traurigen, kleinen Kater Lulu, der sich ihr zögernd anschließt. Unterwegs erschließen sich dem Kater neue Welten, da seine Führerin all seine Fragen beantwortet und ihm zeigt, anderen „zu helfen“. Der lernfähige Kater erhält von der Dachsin Weltverständnis und Weltbewältigung.

Dann der Wechsel: Lulu führt jetzt Frau Dachs und erkennt deren Bedürfnisse. Als letztere nicht mehr zum Gipfel aufbrechen kann, übernimmt Lulu komplett stellvertretend ihre sonntäglichen Wanderungen und berichtet ihr anschließend vom Erlebten.

Als Lulu auf einen kleinen Hasen trifft, erschließt sich, dass es in dem Buch nicht nur um Beziehungen geht, sondern auch um Kontinuität und Lernfähigkeit. Das gute Beispiel von Frau Dachs hat sozusagen Schule gemacht. Soweit zur Handlung.

Sie ist in sehr anschaulichen Zeichnungen und knappen Sätzen, oft in direkter Rede, auf Kinder im Alter ab 4 Jahre zugeschnitten und kann auch Erwachsenen zeigen, dass das Dasein mit anderen und für andere einen bemerkenswerten Lebenssinn beinhaltet. Mit dieser Botschaft erinnerst es mich streckenweise an Gedanken von Victor Frankl zur Logotherapie.

Ein echtes Bilder- und Vorlesebuch über die Themen Begleitung, Freundschaft, Nähe, Altern, Solidarität, Lebensziele und Haltung.

Es gibt viel zu sehen und zu entdecken, denn das Buch ist mit seinen zarten Farben ausführlich und gerade auf Kleinigkeiten achtend illustriert.

Empfehlenswert!

Peter Rörsch im Mai 2019"

 

 

 

Abschied von Ruge

Wenche Øyen und Marit Kildhol, Abschied von Rune

Ellermann im Dressler Verlag GmbH, Hamburg 2015

ISBN 978-3-7707-6272-9

Aus dem Spiel der Kinder, Familienidylle nach dem Vorbild der Eltern, wird tödlicher Ernst. Rune ertrinkt beim Spielen. In den Armen der Großmutter und im Erzählen mit der Mutter gewinnt die traurige Sara ein wenig Trost über ihren Verlust, denn sie liebte ihn wie einen Bruder. Weinen, Kirchgang, Sarg, Grabstein, kirchliche Bestattung und Todesvorstellungen sowie der endgültige Verlust werden als Themen behutsam aufgegriffen.

Der Trost für Sara kommt nicht aus einer religiösen Vorstellung heraus, sondern steckt in dem großen Zusammenhalt der Familie und den Worten der Mutter „… denn wenn wir an ihn denken, können wir ihn ja in uns drin sehen.“

Außerdem sagt sie ihrer Tocher, als sie nach dem Winter das Grab besuchen: „ ,Aber Runes Körper wird nun zu Erde, damit Blumen wachsen können.‘ Sara nickt. Sie versteht das, denn aus dem Hügel wachsen einige Anemonen.“  

Die Kausalität dieser Sätze ist sicherlich zu befragen. An dieser Stelle ist die Spiritualität nicht religiös geprägt und bleibt in dieser Sache damit konsequent.

Der Vorleseverlag, so nennt sich Ellermann im Dresslerverlag. Genau das leistet auch das Buch, es ist ein Vorlesebuch für Kinder zwischen 5 und 10 Jahren, abhängig von der Intensität der Beziehung und Begleitung durch einen Erwachsenen.

Die Zeichnungen sind häufiger bewusst so gehalten, dass wir keine Gesichter erkennen können und dadurch viel Platz zum Deuten und Übertragen auf die jeweilige Betroffenheit lassen. Die oft ganzseitigen Aquarelle in gedeckten Farben sind verwischt und unterstützen diese Offenheit. Die in Medaillonform gehaltenen Zeichnungen arbeiten mit Grautönen und konkretisieren unterstützend die Vorstellungen Saras.

1988 erhielt das Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Peter Rörsch

 

 

Jura geht. Ein altes sibirisches Märchen neu erzählt von Angelika B. Hirsch und gemalt von Jorge Lopes. der hospiz verlag ISBN 978-3-941251-95-3

Jugra ist die junge Hauptperson und Namensgeberin des Buches, der von einer verständnisvollen Mutter eingangs ein einfaches Kindermärchen vorgelesen wird - als Vorspann.

Danach bietet sich dem Leser und Betrachter eine sehr verschachtelte  Geschichte aus einer fast vergessenen Kultur mit einer eindeutigen Dominanz des Bildes. Es nimmt mit seinen zwar gegenständlichen, jedoch meist nur andeutenden Darstellungen vor allem über die Farben je nach Stimmungen mit, besonders dort, wo sich das Bild über zwei Seiten erstreckt. Die vorherrschenden Farben und Töne sind dunkelbraun und dunkelgrün sowie hellgrau und gelb.

Das zweite Märchen träumt Jugra während einer langen Krankheit angestoßen durch die Suche nach ihrem „Erdkühlein“. In diesem Märchen nimmt Jugra die entscheidende Rolle selbst ein.

In der Geschichte verstecken bzw. eröffnen sich auf verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit und der Vorstellungskraft die Vorstellungen  einer Nomaden- und Jagdkultur. Jugra vermittelt zwischen diesen für uns Mitteleuropäer fremden Ebenen, indem sie den Worten ihrer Vorfahren folgt als auch den Bitten ihrer Mutter, der Bärin. Somit ist Jugra gleichzeitig Menschenkind ihrer irdischen Mutter als auch Tochter der Bärin und „Himmelsfrau“. In der sich wiederholenden Formel  „Sie geht eine kurze Zeit, sie geht eine lange Zeit“  drückt sich die Zeitlosigkeit und die Gültigkeit des Erzählten aus.

Verblüffend harmonisch trotz der Härte und Brutalität des erzählten Todes der Bärenmutter verbinden sich die Bedürfnisse der Menschen nach ihrem Überleben und die Einsicht der Bärin, für die Menschen notwendige Nahrungsquelle zu sein. In weiser Vorausschau tröstet sie Jugra und weist sie auf das Sternbild des großen Bären (großen Wagens) hin.

Der Verlag schlägt das Buch für „Menschen ab 8 Jahren“ vor. Doch die Fremdheit und Überlappung der verschiedenen Perspektiven und Ebenen lässt mich zweifeln, ob Kinder dieser Altersstufe zumindest die meisten Anspielungen auf das Ineinander von Leben, Sterben von menschlichem und tierischem Sein verstehen.

Dennoch bleibe ich bei einer uneingeschränkten Empfehlung, denn Kinder können filtern und aus Märchen immer das verstehen, was ihrer Entwicklung  angemessen ist.

Dolf Verroen, Wolf Erlbruch, Ein Himmel für den kleinen Bären

Carl Hanser Verlag München Wien 2003

ISBN 3-446-20294-3

Das Bilderbuch beginnt mit dem plötzlichen Tod des Opas ohne Vorgeschichte.

Die gutgemeinten Trostworte der Mutter vom „Bärenhimmel, wo alle Bären glücklich sind“ lösen beim kleinen Bären die Suche nach diesem Bärenhimmel aus. Da in seinen Gedanken der Tod Voraussetzung für den Eingang in den Himmel ist, sucht er bei allen Tieren Hilfe.

Doch weder das Krokodil, die Giraffe, die Biene, der Fuchs, der Tiger und andere wollen ihm helfen. Gemeinsam ist allen Verneinungen, dass es sich um offensichtliche Ausreden handelt.

Allein die weise Eule hat eine neue Botschaft, die Erde sei schön, der Bär „noch kein Opa“.

Doch die Einsamkeit bleibt beim kleinen Bären wie auch seine Traurigkeit, so dass er noch einen Versuch bei der Schlange anschließt, die sich weigert, ihn zu beißen. Somit bleibt der Himmel sehr weit entfernt, bis der Suchende seine Bärenhöhle findet mit Mutter und Vater und deren Zuneigung. „Es war der Bärenhimmel auf Erden.“

Das Bilderbuch überzeugt durch sein Prinzip der Einfachheit und Reduzierung auf das Wesentliche.

Nie sind die Illustrationen überladen, sondern zeigen immer auf einer Doppelseite den Bären mit einem der besuchten Tiere. Dazu kommt der Text in einfachen, kurzen Hauptsätzen und einem Dialog.

Ein konsequentes Bilderbuch zum Vorlesen und vertiefenden Betrachten für kleine Kinder mit der inhaltlichen Aussage, es gibt für alles eine Zeit.

Peter Rörsch

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Britta Teckentrup, Die kleine Maus und die große Mauer

arsEdition München 2018

ISBN 978-3-8458-2633-2

Der Untertitel verrät die Botschaft des Bilderbuchs: „Für alle Furchtlosen – und eine Welt ohne Mauern.“

Die Heldin des Buches, die kleine Maus, stellt im Gegensatz zu den anderen Tieren Fragen nach den Ursachen, nach der Welt jenseits der Mauer, welche das Leben der Tiere begrenzt. Doch die anderen werfen ihr vor, zu viele Fragen zu stellen, oder reden sich ein, durch die Mauer beschützt zu werden vor den Gefahren jenseits.

Spätestens hier werden erwachsene Leser die politische Dimension erkennen und vielleicht Parallelen zur Großen Mauer oder der Berliner Mauer ziehen.

Von psychologischer Seite kommen die Themen Angst vor Veränderung, Gewohnheit, Mutlosigkeit hinzu.

Eine Anregung von außen schafft die Möglichkeit des Perspektivwechsels, indem die kleine Maus auf dem Rücken eines blauen Vogels – keine andere Farbe könnte ihn besser kennzeichnen – die Welt jenseits der großen Mauer erkunden kann. Zugleich spricht der Vogel von den Baumeistern der Mauern, die wir uns oft selbst bauen.

Bei der Rückkehr ist die Mauer verschwunden – folgerichtig in der Konsequenz des Buches.

Zu empfehlen für jede Altersklasse, da der Zugang auf verschiedenen Abstraktionsebenen möglich ist, das gilt auch für die Sprache. Die wechselnde Farbigkeit begleitet den Leser hilfreich von Anfang bis zum Ende im Sinne der Kernaussage.

 

Peter Rörsch

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Jutta Bauer, Opas Engel
Carlsen Verlag, Hamburg 2010

Ein wunderbares Buch, ein wunderbares Bilderbuch, Vorlesebuch und Nachdenkbuch für alle Altersstufen.
Das Buch lässt einen Großvater seinem Enkel sein Leben in Zeichnungen und kurzen bildbegleitenden Sätzen erzählen.
Wenn Opa sein Leben erzählt und von seinem Glück, das ihn in der Kindheit, der Schulzeit und auch in der Zeit des Faschismus, dem Krieg und der Nachkriegszeit begleitet, so wissen wir Leser es besser. Es ist nämlich die ständige Begleitung durch seinen liebenswerten Schutzengel, der Opa beschützt und Unheil fernhält. Bis zum Tod hält der Engel seine Hand über den Sterbenden.
Mit dem letzten Bild endet die Erzählung und beginnt gleichzeitig neu. Denn erst jetzt weiß der Leser, dass der Enkel seinen Opa im Hospiz besucht hat und er sieht, wie der Schutzengel eine neue Aufgabe übernimmt, in dem er jetzt über den Enkel wacht.
Ein Bilderbuch voller Hoffnung und Zuversicht für alle, die an Engel glauben.

Peter Rörsch, März 2018


Daniela Tausch-Flammer, Lis Bickel
Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erzieher
Herder Freiburg, Basel, Wien 1997
ISBN 3-45—23141-7

Der Titel ist von hohem Anspruch, was die Zielgruppe betrifft, also laut Vorwort an Kinder zwischen 5 bis 11 Jahren und Eltern, Lehrer, Erzieher und begleitende Erwachsene.
In einem Wechsel aus Erzählungen, Geschichten wird versucht, das eigene Erleben des Lesers mit dem Tod zu thematisieren, um darauf basierend die Weitergabe an Kinder zu erleichtern. Davor wird ein Kapitel geschaltet zu Überlegungen verschiedener Religionen zu den Themen Sterben und Tod.
Es schließt sich an das Kapitel über Varianten der Trauerverarbeitung: Trauerphasen, Beispielsätze von Trauernden, Belastungen im Familienkreis.
Ausführlich äußern sich die Autorinnen zu den unterschiedlichen Reaktionen von Kindern und deren Verständnis von Tod. Auch der Suizid wird zum Thema gemacht.
In einem zweiten Teil wendet sich das Buch direkt an Kinder, jedoch über die Transmission durch Erwachsene. Eine große Zahl von didaktisch aufbereiteten Materialien für verschiedene Altersgruppen bereichert diesen Teil und erleichtert so die praktische Hilfe für die Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen.
Das Sachbuch hält, was es im Titel verspricht.

Peter Rörsch


Gudrun Pausewang
Ich geb dir noch eine Chance, Gott!
Ravensburger Buchverlag Ravensburg 1999
ISBN 3-473-34259-9

Der Verlag empfiehlt das Buch für Kinder von 8-10 Jahren, meines Erachtens für ältere Heranwachsende, die gerne lesen, das kommt als Bedingung noch dazu.
Ansonsten schwierig zu empfehlen, da der Roman viele (zu viele) Themen aufgreift: Das belastete Mutter-Kind-Verhältnis, das Gottesbild, Beziehungssuche, Tod eines Tieres, böse Menschen, Pädophile, gute Ausländer, ein freundlicher Bettler, ein weiser Sprayer, der alles erklären kann. Am Ende wird alles gut für Nina, die Hauptperson, für die Katze und Ninas Mutter.
Wer alles anbietet, der bleibt in der Vertiefung vieles schuldig. Vielleicht am Ender der 90er Jahres passender, heute absolut nicht mehr zeitgemäß.

Peter Rörsch


Tita Kern, Nicole Rinder, Florian Rauch
Wie Kinder trauern. Ein Buch zum Verstehen und Begleiten
Kösel Verlag, München 2017 ISBN: 978-3-466-37174-7

Was der Untertitel ankündigt, das hält dieses Sachbuch, weil es von Erfahrungen der Autorinnen und des Autors gespeist wird.
Der Ratgeber richtet sich zwar an Eltern, die den Verlust eines Kindes beklagen, doch es ist viel mehr. Auch Trauerbegleiterinnen und –begleiter können davon profitieren. Kaum ein Thema wird ausgelassen –Verständnis von Kindern, Verständnis von Erwachsenen, plötzlicher Tod ohne Abschied, Suizid - auch stets konkretisiert mit hilfreichen Fragen von Kindern, die so oder ähnlich gestellt werden.
Den theoretischen Hintergrund bildet das Trauermodell von William J. Worden, das in Abwandlung auf Kinder umgesetzt wird („Traueraufgaben für Kinder“).
Die Anlage des Ratgebers lässt eine gute Orientierung zu: Dem jeweiligen Kapitelthema folgen sachliche Erläuterungen, zum Teil sehr detailliert, anschließend eine Rubrik „Was jetzt helfen kann“ und am Ende „Auf einen Blick“ als Zusammenfassung des Kapitels.
Es bleibt festzuhalten, dass hier von Menschen mit reflektierten Erfahrungen ein Ratgeber geschrieben wurde, der eher für Trauerbegleiter hilfreich und unterstützend ist als für betroffene Eltern.

Peter Rörsch


Rezension zu Trauerarbeit
Stian Hole, Annas Himmel. Carl Hanser Verlag München 2014

Wir begleiten Anna und ihren Vater in der Zeit vor der Beerdigung der Mutter und Frau. Wir begleiten die Beiden v.a. in und mit den traumhaften Bildern, die immer auch ver – rückt sind, eben so, wie Anna sich den Himmel vorstellt. Der Leser begleitet Anna in ihre Welt. Während der Papa Nägel vom Himmel regnen sieht, hofft Anna auf einen Erdbeerregen.
Die Theodizeefrage wird ebenso aufgegriffen wie der Sprung in andere Traumwelten voller Harmonie. Anna führt ihren Vater dabei durch Vergangenheit und Gegenwart und auf einigen Seiten wird über Mamas denkbare Aufenthaltsorte spekuliert.
Am Ende sind Beide bereit, den Kirchenglocken auf der anderen Seite des Fjords zu folgen.
Der Leser hat ein Bilderbuch in der Hand, das der Trauer über den Verlust kaum Raum bietet. Die Bilder mit ihren Farben, Phantasien und Ideenangeboten werden von kurzen Texten jeweils aus Annas Perspektive unterstützt.
Wieder einmal ein Buch eher nicht für Kinder, nicht für Jugendliche. Für betroffene, trauernde Erwachsene? Nein. Es bleibt ein sehr schön illustriertes, phantasievolles Bilderbuch für Erwachsene, welche, um mit William J. Worden zu sprechen, den Aufbruch in ein neues Leben bereits gefunden haben.

Peter Rörsch, Januar 2018


Ein neuer Lesetipp:

Sally Nicholls, Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt.
dtv-Reihe Hanser 20179 München
ISBN 978-3-423-62455-8

Ein Roman wie ein mehrschichtiger Kuchen aus verschiedenen Teigarten. Grundlage ist das Tagebuch eines an Leukämie erkrankten 11jährigen Jungen namens Sam. Darüber oder darunter die Ebene der Listen von Nr. 1 bis 11, gleichzeitig die letzte Seite. 8 „Fragen, die niemand beantwortet“, bilden eine weitere Schicht. Dazu kommt eine sachliche Informationsschicht, in der als Fußnote oder Oxford Dictionary – Eintrag die Krankheit Leukämie erklärt wird und „Wahre Tatsachen über Särge“ vermittelt werden.
Verbindendes Element zwischen allen Ebenen bleibt das Tagebuch vom 7. Januar bis zum 12. April. Darin lernt der Leser den Ich-Erzähler in seinen Beziehungen zur Familie mit Mutter, Vater, Schwester und den ebenfalls schwer erkrankten Freund Felix kennen. Gleichzeitig humorvoll und ernsthaft werden wir mit den Ängsten, sorgen, Tröstungsversuchen, Hilfen der handelnden Personen vertraut gemacht. Durch die kontrastierend angelegte Personenkonstellation Felix-Sam und Vater-Mutter kann die Autorin verschiedene Verhaltensmuster vorstellen, wenn es um Trauer, Abschied, Rituale, Verhalten in der Leichenhalle, Beerdigung und letzte Wünsche geht.
Eine uneingeschränkt empfehlenswerte Lektüre für Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahre, wobei die Zielgruppe eindeutig die letztgenannte ist. Die Komposition aus den eingangs genannten unterschiedlichen Schichten lässt es zu, die Lektüre als geschlossenes Werk zu lesen oder sich Teilen daraus einzeln zu widmen.

Peter Rörsch


Barbara Davids, Eines Morgens war alles anders
Lambertus-Verlag 2000

Ein Bilder-und Textbuch über die Folgen des Unfalltod des Vaters und Ehemanns.
Die ganzseitigen Illustrationen geben vor allem mittels der Farbgebung begleitend zum Text den Trauerprozess in seinem Verlauf wieder.
Die erste kleine Entfremdung von der Mutter, den Kindern und Betreuern im Kindergarten, die Verwirrung in der Gefühlslage. ..
Die Wende, auch mit dem wiederkehrenden Lachen kommt mit dem Fund eines toten Vogels. Die Parallelgeschichte vom kleinen Vogel und dem Tod seines Vaters leitet einen weiteren Schritt der Verarbeitung ein.
Als veränderte Wiederaufnahme der Eingangsszene finden Anna und ihre Mutter wieder Halt aneinander. Die letzte Illustration deutet den sonnenbeschienenen, aber doch noch langen Trauerweg an.
Die Texte sind sprachlich in ihrer Wörterzahl, Satzkonstruktion und Komplexität auf eine Zielgruppe zwischen 5 und 7 Jahren anzusiedeln.
Ein Trauerbegleitbuch zum Vorlesen, in dem sich Erzähltes und Gezeichnetes ideal ergänzen.

Peter Rörsch , März 2018


Ursula Kirchberg, Trost für Miriam
Ellermann-Verlag 1997

Ein Bilderbuch mit begleitenden Texten vom ersten Abschied und der damit einhergehenden Trauer bei Kindern.
Ein geliebter Wellensittich erkrankt und verstirbt. Nach dem Begräbnis zieht sich Miriam alleine zurück ins Dunkle.
Menschliche Zuneigung durch die Schwester doch hauptsächlich über das Spiel von Schatten und Licht entdeckt die trauernde Miriam eine Amsel vor dem Fenster, welche ihre Lebensgeister wieder erweckt.
Sie isst wieder mit Genuss, die Freude kehrt wieder ein. Sie hat die Trauer in ihr Leben integriert, kann man interpretierend sagen.
Die Illustrationen werden dominiert durch die den Trauerverlauf wiedergebenden Farben Gelb, Blau, Grün und Rot variierenden Grund.
Ein Teddy taucht einige Male in den Zeichnungen auf und deutet auf die anvisierte Lesegruppe hin: Kinder von 4 bis 6.

Peter Rörsch, März 2018


Susan Carey, Leb wohl, lieber Dachs
Annette Betz Verlag 1984

Ein alter und lebensweiser Dachs weiß vom nahenden Tod, den er selbst nicht fürchtet, er macht sich viel mehr Sorgen um seine zurückbleibenden Freunde, denen er einen Abschiedsbrief schreibt. Darin berichtet er von seinem Traum vom Lebensabschied, den er als Gang und Sturz durch einen langen Tunnel beschreibt.
Die anderen Tiere finden morgens den Brief und allen voran der Maulwurf trauern sie um ihren verstorbenen Freund und erzählen dankbar von der gemeinsamen Zeit und den besonderen Fähigkeiten, mit denen der Dachs jeden von ihnen ausgestattet hatte. Auf diese Weise lebt er in ihnen fort.
Deshalb ist auch der englische Originaltitel passender als die Übersetzung: „Badger’s Parting Gifts“ (Abschiedsgeschenke vom Dachs ).
Die begleitenden Zeichnungen vermitteln eine friedliche und freundliche Atmosphäre, so dass wir hier ein Vorlesebuch in der Hand halten, mit dem Kinder von 4 bis 6 auf einfühlsame Weise mit dem Thema Abschied vertraut gemacht werden können.

Peter Rörsch, März 2018




Jan-Uwe Rogge, Moni Port,
Ein Wolkenlied für Omama.
Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg 1998

Ein reich illustriertes Bilder und Vorlesebuch für die Kleinsten, wenn ein älteres Familienmitglied im Sterben liegt oder gestorben ist.
In den plakativen auf das Notwendigste reduzierten Zeichnungen und den begleitenden Texten wird die Beziehung von Jan und seiner fast 90jährigen Oma aufbereitet.
Die besonders intensive
und unbelastete Beziehung zwischen Enkel Jan und der Omama genannten Großmutter wird in eine traurig-schöne Geschichte eingekleidet. Beim Abschied in den Urlaub fragt Jan: „Was ist, wenn ich wiederkomme, und di bist nicht mehr da.“ Es beginnt ein Gespräch über das Sterben und der Trost der Großmutter durch ein gemeinsam gesungenes Lied von Abschied und der Unsicherheit des Wiedersehens.
Auch im Urlaub singt Jan das Lied, wenn er an seine Oma denkt. Mit der Nachricht vom Tod der Großmutter nach dem Urlaubsende wird Jan von einer Traurigkeit erfasst, die sich von der der Erwachsenen eindeutig unterscheidet. Auch das Singen des Wolkenlieds hilft zunächst nicht, doch Jan singt unbeirrt weiter, auch wenn die erwachsenen irritiert sind. Schließlich nähern sich Wolkenbilder, in denen er seine Omama zu sehen und zu hören meint, wie sie sich bei ihm bedankt.
Mit seiner kindgemäßen Sprache und den entsprechenden Zeichnungen kann es dem Tb gelingen, Kindern bis zum Alter von 5 Jahren Trost zu vermitteln. Auch die andersartige Trauer von Kindern und Erwachsenen ist mit aufgegriffen.

Peter Rörsch, März 2018


BildergebnisIst Glück das Wichtigste?

Der Philosoph Wilhelm Schmid stellt dar, was im Leben wirklich erstrebenswert ist

 

Ging es dem Menschen in der Vergangenheit um das Überleben und um Pflichterfüllung, so beherrscht ihn heute ein anderes Thema: Die Frage, wie wir glücklich werden, hat geradezu eine Glückshysterie ausgelöst. Aber was genau ist eigentlich Glück? Und ist Glück das, was wir wirklich anstreben sollten?

Mit diesen Gedanken beschäftigt sich die Schrift des Philosophen Wilhelm Schmid.

Zunächst beschreibt der Autor verschiedene Glücksbegriffe. Da ist zunächst das Zufallsglück. Dies meint Ereignisse, bei denen uns unverhofft – schicksalshaft – etwas Gutes zufällt. Zwar haben wir keinen Einfluss auf Dinge, die uns zufällig begegnen, aber wir können entscheiden, welche Haltung wir den schicksalshaften Ereignissen gegenüber einnehmen und können durch eine innere Vorbereitung für günstige Zufälle offen werden.

Noch wichtiger als das Zufallsglück ist für den modernen Menschen ein anderes: Das Wohlfühlglück.

Jeder mag schöne Erlebnisse wie eine Tasse Kaffee, Wellness, ein Filmabend oder Gespräch. Diese sind vom Menschen selbst plan- und machbar. Dagegen ist nichts einzuwenden, jedoch sollte das Leben mit seinen auch schmerzhaften Seiten nicht mit dem Wohlfühlglück verwechselt werden. Die Auffassung, man müsse um jeden Preis „gut drauf“ sein, macht krank, weil dieser Glücksbegriff zu hohe Ansprüche an das Leben stellt.

Diesen modernen Glücksbegriffen stellt der Autor die Glücksvorstellungen antiker Philosophen gegenüber und erläutert das Glück der Fülle.

Die antiken Philosophen sprachen dem Glück Dauerhaftigkeit zu. Dieses Glück umfasst auch die negativen Seiten im Leben. Das Glück der Fülle ist allein von der geistigen Haltung zum Leben abhängig. Es geht darum zu akzeptieren, dass das Leben widersprüchlich ist und sich die Frage zu stellen: Kann ich einverstanden sein mit dem gesamten Leben? Kann ich es in seiner Widersprüchlichkeit als bejahenswert empfinden?

Das Glück der Fülle ist nicht abhängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen und es ist für jeden Menschen erreichbar mit der Festlegung seiner Haltung dem Leben gegenüber. Somit ist das Glück der Fülle ein Glück von Dauer. Dennoch dürfen unsere Erwartungen an dieses Glück nicht zu hoch sein, denn die gesamte Fülle finden wir erst in der Dimension der Unendlichkeit.

Doch das Wichtigste im Leben ist nach Meinung des Autors nicht das Glück, sondern etwas Anderes: der Sinn. Der moderne Mensch ist eigentlich jemand, der in der Tiefe den Lebenssinn sucht. Dabei geht es um die Suche nach sinnstiftenden Zusammenhängen im Leben. Schmid findet Sinn in vier Bereichen:

Zunächst der Sinn, der körperlich und sinnlich wahrzunehmen ist und Ähnlichkeit mit dem Wohlfühlglück hat: eine schöne Landschaft ansehen, Musik genießen, singen, gehen, berührt werden. Es geht um den Sinn eines erfüllten Augenblicks.

Anschließend nennt er den Sinn, der in tiefster Seele zu fühlen ist. Dies zeigt sich nach außen durch gelungene Beziehungen und Bindungen und nach innen durch eine Selbstbejahung und Selbstannahme.

Dem folgt der Sinn, der im Geiste zu denken ist: Die Deutungen des eigenen Lebens und des Lebens insgesamt. Es geht darum, auf einer geistigen Ebene Sinn herzustellen, sich selbst eine Aufgabe zu suchen und sie zu erfüllen Das, was man als gut und richtig erkannt hat, zu tun.

Zuletzt nennt Schmid den Sinn, der über sich hinaus zu denken und zu fühlen ist. Hierbei geht es um Transzendenz und Spiritualität, den Bezug zu einer Unendlichkeit, der man auch Unerledigtes aus seinem Leben anvertrauen kann.

 

Welche Aufgabe hat der moderne Mensch also? Schmid beschreibt zusammenfassend seine Vision der Moderne:

„Eine veränderte, andere Moderne wird eine Zeit der Arbeit am Sinn sein, nicht mehr an seiner Auflösung. Anders wird diese Moderne sein, da es ihr nicht mehr nur um die negative Freiheit der Befreiung geht, sondern um die positive Freiheit neuer, frei gewählter Bindungen (…), von Individuen an sich selbst, an Andere, an die Natur, an eine Religion  (…)“ (S.79).


Ein empfehlenswertes Buch, das zum Nachdenken und Sinn entdecken anregt.

Michaela Fischer

Vom Sinn des Augenblicks: Hinführung zu einem erfüllten Leben (Topos Taschenbücher)Dem Leben antworten

Die Logotherapeutin Elisabeth Lukas stellt dar, wie Sinnanrufe Menschen über sich hinauswachsen lassen

 

Menschen, die Wege aus Missstimmungen suchen, die Leid verarbeiten wollen und ein glückendes Leben führen möchten gibt dieses Buch „Vom Sinn des Augenblicks – Hinführung zu einem erfüllten Leben“ hilfreiche Gedanken an die Hand. Die Autorin Elisabeth Lukas, die Logotherapeutin ist und eine Schülerin von Viktor Frankl war, stellt dar, wie wir im Leben – und das ist vor allem der gegenwärtige Augenblick – Sinn finden und dem Ruf, der an uns ergeht, antworten. Auch psychotherapeutisch tätige Menschen können in Lukas Darstellungen Anregungen bekommen, ihre Gespräche mit Patienten sinn- und ressourcenorientiert zu führen.

 

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Zunächst gibt die Autorin einen Überblick über die Logotherapie Viktor E. Frankls:

Die Psychologie stellt die Frage: Welche Motivation haben Menschen für ihr Verhalten? Warum handeln sie wie sie handeln? Die Logotherapie holt dabei das ans Licht, was die herkömmlichen psychologischen Richtungen ausgeklammert haben: das Geistige im Menschen. Frankl untersuchte, was gesunde Menschen ausmacht und fand ihr Ausgerichtetsein auf Sinn. Glückendes Leben bedeutet, dass das Leben von Aufgaben erfüllt ist, die innerlich bejaht werden und an die man sich freiwillig und freudig hingibt. Die Logotherapie möchte den Willen zum Sinn stärken und damit Kräfte im Menschen freisetzen, die ihn zur Gesundung und zur Überwindung seelischer Barrieren führen. Dabei schaut man mit dem Menschen nach zwei Dingen: Was sind seine Talente und Gaben? Und wo in seinem Umfeld werden diese gebraucht?

So erleben wir ein persönliches Angefordert- und Gemeintsein, Frankl spricht vom „Sinnanruf der Situation“, der an jeden Menschen, auch an jeden Kranken, ergeht. Wenn ihm Folge geleistet wird wächst jeder – auch jeder Kranke – über sich hinaus. Der Mensch wird zu seiner Freiheit und Verantwortung herangeführt und dies bedeutet, er tut Schritte zu seiner seelischen Gesundung.

Im Folgenden werden kurz die Methoden, mit denen die Logotherapie arbeitet, dargestellt: Die paradoxe Intention – sie befähigt den Patienten durch Humor Distanz zu gewinnen-; die Dereflexion, durch die vermieden werden soll, sich in den Konflikt hineinzusteigern, und die Einstellungsmodulation, bei der man eine positivere Einstellung zum Konfliktpartner einnimmt.

Im zweiten Kapitel beschreibt die Autorin fünf „heilbringende Gewohnheiten“, die wir uns aneignen sollten, wie das selbstverantwortliche Entscheiden oder das selbstüberschreitende Denken, das über unser eigenes Wohlergehen hinausgeht und Sorge für andere trägt.

Anschließend weist die Autorin darauf hin, wie wichtig es ist, glückliche Umstände in unserem Leben anzuerkennen und sich gute Lebensbedingungen- und möglichkeiten, die wir haben, bewusst zu machen.

Das vierte Kapitel handelt von dem Umgang mit der „tragischen Trias“: Leid, Schuld und Tod. Hierfür zeigt sie Wege zu einem geistigen Wachstum an diesen Herausforderungen auf.

Es folgt die Darstellung von „Fallgruben“, in die man nicht geraten sollte, wie sich an Schuldzuschreibungen an die Eltern festzuklammern oder einem Ruf, der an uns ergeht, nicht zu folgen.

Im letzten Kapitel beschreibt sie an Hand zweier Weisheitsgeschichten, was es bedeutet, einem schwierigen Schicksal zu trotzen (Frankl spricht von der „Trotzmacht des Geistes“) und wie man richtig mit seiner Zeit und den Menschen, denen man begegnet (also dem Sinn des Augenblicks), umgeht.

 
Das Fazit des Buches lautet:

Wir sind Befragte und müssen auf die Fragen des Lebens antworten. Es ergeht ein Ruf an uns, das Leben gibt uns Aufträge. Unser Leben gelingt, wenn wir damit einverstanden sind und dem an uns ergangenen Ruf folgen. Darin, das zu tun, wozu wir gerade – im Hier und Jetzt - aufgerufen sind, ist der Sinn in unserem Leben. Kranke und leidende Menschen können mit Hilfe der Logotherapie geistig über sich und ihre Situation hinauswachsen.

 
Michaela Fischer


Verzeihen ist geschenkter Verzicht

BildergebnisDie Philosophin Svenja Flaßpöhler reflektiert den Begriff des Verzeihens

 

„Vergeben und Vergessen“: in diesem Sprichwort geht es um das Loslassen einer Verletzung, so wie man umgangssprachlich „Schwamm drüber“ sagt. Ist verzeihen aber so einfach? Und was genau tut man, wenn man jemandem verzeiht?

 

Das vorliegende Buch ist eine Reflexion darüber, was Verzeihen eigentlich ist –aus philosophischer Sicht. Dabei lässt die Autorin viele verschiedene Philosophen zu Wort kommen wie zum Beispiel Jaques Derrida, Emmanuel Levinas, Paul Ricoeur, Friedrich Nietzsche, Immanuel Kant und Hanna Arendt.

Die Abhandlung wird umrahmt von der persönlichen Geschichte der Autorin, deren Mutter sie und ihre jüngere Schwester als Kinder verlassen hat. Darüber hinaus geht es um die Auseinandersetzung mit schwerer Schuld: so spricht sie mit einer Mutter, deren Tochter bei einem Amoklauf getötet wurde, mit einem Mann im Gefängnis, der seine Frau ermordet hat und mit Überlebenden der Shoa.

Zunächst nimmt die Autorin eine Begriffsklärung vor: Was bedeutet verzeihen und was ist der Unterschied zwischen verzeihen und vergeben/ Verzeihung und Versöhnung?

Verzeihen, beschreibt die Autorin, meint den Verzicht auf eine Vergeltung. Dies ist weder logisch noch ökonomisch. Der Verzeihende lässt ab, entsagt, bezichtigt den anderen nicht mehr. Dies widerspricht unserem Lebensgesetz: Wer Schuld hat, muss zahlen. Dabei ist moralische Schuld schwerer zu begleichen als rechtliche oder ökonomische.

Das Verzeihen ist eine menschliche Eigenschaft, das Vergeben dagegen eine göttliche. Schuld vergeben, hinwegnehmen, kann nur Gott (zum Beispiel dem beichtenden Menschen). Das wesentliche Moment dabei ist die Gabe, der Akt des Schenkens als quasi göttlicher Akt (vgl. im Sprachgebrauch das französische ‚pardon‘ oder das englische ‚forgive‘.)

Menschen dagegen können Schuld nicht hinwegnehmen, sie können sich aber zu ihr verhalten. Die Schuld des Täters bleibt bestehen, verzichtet wird nur auf ihre Begleichung. Der Rachewunsch wird aufgegeben und die „Nachtragekette“ wird unterbrochen.

Um Vergebung bitten wir also Gott, um Verzeihung andere Menschen. Dabei kann auch das Verzeihen (z.B. der Verzicht auf Rache) eine Geste der Transzendenz sein. Hier berühren sich Vergeben und Verzeihen. Paul Ricoeur spricht von einer „von oben kommenden Stimme“, von der ein „Ruf zur Vergebung“ ausgeht. Hierbei wird ein Mensch von der Transzendenz, von Gott, berührt.

Was ist der Unterschied zwischen Verzeihen und Versöhnen?

Versöhnung ist an die Bedingung des wechselseitigen Verstehens geknüpft. Verzeihen ist dagegen bedingungslos, verlangt noch nicht einmal die Reue des Täters. Die Autorin schreibt: „Wer im eigentlichen, reinen Sinne, verzeiht, stellt keine Bedingungen, erwartet keine Gegenleistung, überlegt nicht, ob sein Verzicht auf Vergeltung sich lohnt.“ (S.29)

Die Autorin setzt sich mit folgenden Fragen auseinander:

 1.) Heißt verzeihen verstehen?

2.) Heißt verzeihen lieben?

3.) Heißt verzeihen vergessen?

 
Sie geht dabei sowohl auf die persönliche Betroffenheit einzelner Menschen ein, mit denen sie Gespräche führte, als auch auf die politische Dimension bei der Frage nach dem Verzeihen.


Wozu kann dieses Buch verhelfen?

Meiner Meinung nach helfen die Gedanken der Autorin, sich von alltäglichen verletzenden Erlebnissen durch das Verzeihen zu befreien, indem sie Lust machen - entgegen unserem gewohnten Nützlichkeitsdenken - eine seelische Großzügigkeit zu entwickeln: Auf das Zurückzahlen einer Verletzung zu verzichten, das Hören einer Entschuldigung zu entbehren, Dinge gut sein zu lassen. Entlastend dabei ist, dass wir nicht so tun müssen, als sei die Verletzung nicht geschehen (die Schuld aufheben, hinwegnehmen gehört wie dargestellt in den religiösen Bereich und kann nur von Gott gemacht werden). Wir können uns aber gezielt zu einer Schuld verhalten, z.B. indem wir aufhören, darüber nachzugrübeln, schlecht über jemanden zu sprechen oder jemanden durch unser Verhalten indirekt zu bestrafen. Durch diese selbstlosen Gesten wird auch unsere Seele entlastet.

 
Michaela Fischer




Anja Gumprecht, Anne Vockeroth: An der Leine.
Geest-Verlag Vechta-Langförden 2017

Bereits die Entstehungsgeschichte lässt dieses Buch als ein außergewöhnliches erahnen. Die Autorin und die Illustratorin schreiben und zeichnen vor dem Hintergrund von Müttern, deren Töchter an Krebs erkrankt sind.

Entstanden aus diesen Situationen ist ein in Text und Bild harmonisch aufeinander abgestimmtes Werk, das die Krankheitstage des erkrankten Kindes sowohl in seiner Alltäglichkeit als auch in seiner Besonderheit begreift.

Deshalb verwundert auch der Titel „An der Leine“ nicht mit seiner Anspielung auf den Infusionsständer, Kabelbaum genannt. Damit sind wir bei der Sprache, mit der es Anja Gumbrecht gelingt, inspiriert durch die Gedanken und Äußerungen ihrer Tochter, so zu formulieren, dass Kinder verstehen und Erwachsene sich die tiefere Bedeutung erschließen können, ohne den Umweg über medizinisches Fachvokabular. So wird aus dem Katheter nachvollziehbar die „Tankstelle“.

Die ganzseitigen Illustrationen gemeinsam mit den Kapitelüberschriften („Rot gewinnt“, „Nachtwanderung“) schaffen die das Buch auszeichnende Leichtigkeit für dieses alle Betroffenen so belastende Thema Krebserkrankung von Kindern.

Unbedingt empfehlenswert.

Peter Rörsch



Stein Erik Lunde,Oyyind Torseter: Papas Arme sind ein Boot.
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2010


Das Bilderbuch kommt mit recht wenigen Texten aus und setzt auf Farben, doch auch darin sparsam mit wenigen Farbtönen. Rot dominiert vom Anfang bis zum Ende.

Die Beziehung zwischen dem Vater und dem erzählenden Sohn ist geprägt vom tiefsten Vertrauen und gegenseitigem Verstehen und Verständnis, ohne dass es je direkt ausgesprochen oder gar diskutiert wird. Die Fragen des Kindes werden vom Vater immer beantwortet, es herrscht keine Sprachlosigkeit. Jedoch ab und an Stillschweigen.
Der Titel „Papas Arme sind ein Boot“ ist quasi leitmotivisch für diese aus der Richtung gekommene Welt. Schon das Cover zeigt dem Leser, dass die Welt in eine Schieflage geraten ist durch den Tod der Mutter und Frau. Die Gegenstände scheinen aus dem Bild zu rutschen. Diese Titelseite ist dem Innenteil entlehnt, in dem einer der der knappen Dialoge wiedergegeben wird und der Vater das Kind in seinen Armen hält.
Im Sinne der Hoffnung und des Trostes ist die vorletzte Doppelseite angelegt: Die Schieflage ist zum größten Teil behoben, die Farben sind dezent zurückgekehrt, Rot als Zeichen des Lebendigen beherrscht eine Seite und ist dem Trostwort unterlegt: „Wird schon werden“, sagt Papa.

Auf den ersten Blick kommt dem Leser ein eher düsteres Buch vom Verlust einer Ehefrau und Mutter entgegen. Doch bei genauerem Einlassen, vielleicht auch erst beim zweiten Lesen erschließen sich andere Aspekte, und dann wird es ein richtiges Trostbuch.

Peter Rörsch



Sinnperspektiven

Der Psychiater Dr. Martin Grabe beschreibt, was unserem Leben über den Tod hinaus Sinn verleiht
Martin Grabe

Die Alltagsfalle – Warum es sich lohnt, über den Sinn des Lebens nachzudenken

Verlag der Francke-Buchhandlung 2012

Ist es sinnvoll, wenn ein Fisch einen Wurm fressen möchte? – Sicherlich, wenn er Hunger hat. Aber ist das immer noch sinnvoll, wenn dieser Wurm an einem Angelhaken hängt? Und was ist mit dem Angler: Macht es Sinn, sich diesen Fisch zu angeln? Bestimmt, wenn er darauf Appetit hat. Aber wenn nun in diesem Gebiet das Angeln verboten ist? …
Wir sehen: was sinnvoll ist, lässt sich erst sagen, wenn man eine Situation in einem größeren Kontext betrachtet.
Der Autor beschreibt, wie Menschen im Alltag in eine Falle geraten können, indem sie Ziele wie Lust, Geld oder Ehre verfolgen und dabei wichtige Werte und Beziehungen in ihrem Le-ben vernachlässigen. Oft geraten diese Menschen irgendwann in eine Krise, in der sie sich die Frage stellen: Welchen Sinn hat mein Leben eigentlich? Und: Ist angesichts unserer Ver-gänglichkeit nicht letztlich alles sinnlos, was wir im Leben erreichen?
Dieser Frage, so zeigt der Autor auf, kann man sich nur nähern, wenn man die weitmöglichs-te Sinnperspektive heranzieht. Dazu unterscheidet er im Rückgriff auf den jüdischen Religi-onsphilosophen Martin Buber zunächst zwischen einer Ich-Es- und einer Ich-Du -Perspektive. Auf der Ich-Es-Ebene analysieren wir Dinge, erforschen wir die Welt, teilen wir Menschen ihre Funktionen zu und führen intellektuelle Gottesbeweise durch. Dieses Vorgehen kann je nach Kontext richtig und angemessen sein. Sinn finden wir darin aber nicht, denn Sinn ist an Beziehungen – an ein Du - gebunden wie z.B. in einer liebevollen Partnerschaft.
Welche Sinnperspektive trägt uns angesichts unserer Vergänglichkeit? Es muss eine Bezie-hung sein, die den Tod überdauert.
Der Autor schlägt von hier aus eine Brücke zum Christentum und umschreibt es als sowohl beziehungs-als auch realitätsorientiert. Jesus bezieht das Leben der Menschen in einen grö-ßeren Kontext ein: Unser Leben auf der Erde ist begrenzt. Zugleich gibt es einen ewigen und persönlichen Gott, der uns als seine Geschöpfe liebt und in Beziehung zu uns sein möchte. Auch menschliches Scheitern und die Frage nach letztlicher Versöhnung sind hierbei einge-schlossen. Dieser größtmögliche Rahmen ermöglicht es uns, Sinnhaftigkeit in unserem Leben zu finden. Daher ist die Pflege einer Gottesbeziehung, z.B. durch das persönliche Gebet, sehr wichtig.

Ein lebendig geschriebenes Büchlein, das sich auch gut zum Verschenken eignet. Wer sich dem christlichen Glauben verbunden fühlt, findet hierin Gedanken, die den Beziehungsaspekt dieser Religion noch bewusster machen.

Michaela Fischer

 



 
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